Peter Richter, 89/90

am Montag, 27 April 2015. Veröffentlicht in der Kategorie Literatur

EINE REZENSION VON STEFAN ZOWISLO

Peter Richter, 89/90

Trübe Aussichten: Das Land abgewirtschaftet, die Weiden leer, wer kann, der geht, wer bleibt wird komisch, alles dreht sich ums „Dableiben oder Rübergehen“, 89/90, als die DDR ihren letzten Gang antritt. Der Jungensound dröhnt nihilistisch-aufmüpfig, kennt existenzielle Ängste – „Eines Tages würde es in diesem Land nur noch zwei Arten von Mädchen geben: die Töchter von Kommunisten oder die von Pfarrern“ –, aber, besser als nix, letztere boten immerhin mit ihren Feten oder auch Konfirmandenstunden einen veritablen „Aufreißschuppen“, wenngleich die Gottesdienste, „sonntagmorgens um halb zehn mit all den zahnlos in den Messkelch sabbernden Omis“, nicht zum Dresdener Cliquenablauf gehörten.

Fritz J. Raddatz, Jahre mit Ledig

am Donnerstag, 02 April 2015. Veröffentlicht in der Kategorie Literatur

EINE REZENSION VON STEFAN ZOWISLO

Fritz J. Raddatz, Jahre mit Ledig

Als die Bücher laufen lernten – da gingen die Menschen, der Frieden war noch jung, in die Buchläden und verlangten „ein rororo von Fischer“, denn dort in Hamburg, später im weltberühmten Reinbek, wurden sie verlegt, ja erfunden, dann gedruckt, verkauft und geliebt, „Rowohlts Rotationsromane“, eben rororo, erst später zogen andere nach, machten rororo nach, doch nur bei rororo mit Anzeigen mittendrin, dass alles in den USA aufgespürt, jene Taschenbücher-Idee, von der man nicht wusste, nehmen´s die Deutschen an, geleimt, nicht gebunden, die literarischen Papierseiten, doch der Bildungshunger war groß, sie kauften wie wild und rororo sanierte sich, ja noch mehr, „schaffte den Spagat aus Renommee und Gewinn“, dank Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, unehelicher Schauspielerinnen-Sohn des legendären Ernst Rowohlt, jahrelange gesiezt vom Alten, nach dem Krieg vom Verstrickten neu entdeckt, da kriegsverwundet und im Besitz einer amerikanischen Verlagslizenz, und aus bisher Ledig wurde Ledig-Rowohlt, der zeigte öffentliche Purzelbäume und fand in Ost-Berlin, bei Volk und Welt, den smarten Fritze, der wiederum machte beherzt rüber, Tucholskybeseelt, trinkt erstmals Bloody Mary und sieht erstmals gebratene Petersilie zum Fisch, soll seinen „ewigen Tucholsky“ mal beiseite lassen, lieber Ledigs Stellvertreter werden, FJR wird´s blümerant – „Der liebe Gott als Diabolus, das Weihwasser die Bloody Mary, die Haare die gebratene Petersilie, und Maria hieß er auch“ –, erledigt schnell Fischer („grau und erlesen“) und Suhrkamp („so klein wie fein“): „Alles dürre Datteln tragende Kamele“, und sinkt, Arbeitsvertrag muss gar nicht sein, in die Rowohltschen Arme („kein Verlag, eine Idee“): „Scheherazade mit rasendem Rappengalopp und diamantbesetzten flitzenden Krummsäbeln – das war nur Rowohlt.“

Martin Suter, Montecristo

am Sonntag, 15 März 2015. Veröffentlicht in der Kategorie Literatur

EINE REZENSION VON STEFAN ZOWISLO

Martin Suter, Montecristo

Martin Suter macht Ernst. Diesmal werden wir nicht amüsant-leicht um den Finger gewickelt, erleben Allmensche Detektivgeschichten, sitzen in der Business Class herum oder erfahren, was Love Food ist. Harte Recherche macht „Montecristo“ möglich und die Gewährsträger können sich sehen lassen. Peter Siegenthaler, lange das höchste Tier im schweizerischen Finanzwesen und im Rahmen von Swissair- und UBS-Krise im Auge des Taifun unterwegs, hat beraten, gelesen, geprüft und Fingerzeige gegeben. Bundesrat a.D. Moritz Leuenberger steuerte ebenfalls sein Ratgeber-Scherflein dabei und agierte „als Vermittler wertvoller Kontakte“.